Pastorale Fürsorge
Die Russische Auslandskirche (ROKA) schaut auf ein Jahrhundert pastoraler Tradition zurück. Sie war einst aus der Notwendigkeit entstanden, das kirchliche Leben der russischen Gläubigen außerhalb der Sowjetunion zu organisieren. Nach der Oktoberrevolution hatten sich die Grenzen verschoben, die UdSSR war kleiner als das Zarenreich, so dass sich zum Beispiel zahlreiche russische Gläubige in Nordchina wiederfanden, ohne ihren Wohnort gewechselt zu haben. Hinzu kamen die Emigranten in vielen Teilen der Welt, so auch in Europa und speziell in Deutschland. Ihre Gesamtzahl wird auf über 1 Million geschätzt, in der Zwischenkriegszeit sorgte die ROKA in ca. 1000 Gemeinden für die geistliche Betreuung der Gläubigen im Ausland.
Als freier Teil der Russischen Kirche sah die Auslandskirche ihre Verantwortung jahrzehntelang darin, die Verfolgung der Kirche unter der Sowjetherrschaft anzuprangern und die Gläubigen auch in der Sowjetunion selbst nach Kräften zu unterstützen.
Dies geschah u. a. durch religiöses Schrifttum, was ein umfassendes Druckerei- und Verlagswesen erforderte. Obwohl die ROKA als Teil der russischen Immigration in der Nazizeit strengen Beschränkungen unterworfen war, kümmerte sich die deutsche Diözese um die Kriegsgefangenen und Ostarbeiter in Deutschland sowie die Gläubigen in den vom Naziregime besetzten Gebieten.
Nach Kriegsende 1945 befanden sich in Deutschland und Österreich mehrere Millionen Menschen aus der UdSSR. Ein tragisches Kapitel ist die – von den westlichen Alliierten als Teil des Jalta-Abkommens unterstützte – zwangsweise Rückführung von 3,5 Millionen Menschen in die Sowjetunion. Stalin hatte im August 1941 alle Kriegsgefangenen pauschal als „Verräter“ gebrandmarkt. Zurück in der UdSSR waren sie im besten Fall lebenslang Menschen „zweiter Klasse“, verschwanden in den Arbeitslagern oder wurden erschossen.
Die Geistlichen der deutschen Diözese setzten alle ihre Kräfte ein, um die Menschen vor der Zwangsrepatriierung zu retten. Dies geschah in sogenannten DP-Lagern (DP = displaced persons), wo sich ein reges kirchliches und kulturelles Leben entwickelte. Auch in den Kirchen, die sich früher bereits auf dem Territorium Deutschlands befunden hatten, blühte das kirchliche Leben auf. In einer zeitgenössischen Schilderung aus dem Jahre 1946 heißt es: „Zahlreiche orthodoxe Kirchen, die von den Flüchtlingen eingerichtet wurden, stellen heute Zentren geistlichen Lebens von hohem Niveau dar. Nach den Schrecken des Krieges, dem Verlust von Verwandten und Freunden […] und nach langen Monaten der Unruhe und Unsicherheit hinsichtlich der Zukunft, sind die orthodoxen Gläubigen in ihren Kirchen vereint“.
Entsprechend kümmerten sich die Geistlichen nicht nur um die Seelsorge. Auch Schulunterricht, Arbeit und Wohnungsbeschaffung, Familienzusammenführungen und Passangelegenheiten gehörten zur Gemeindearbeit. Nachdem Berlin, wo in der Zwischenkriegszeit die Kirchenleitung residierte, wegen des sowjetischen Einflusses zu einem gefährlichen Ort geworden war, verlagerte sich der Schwerpunkt der kirchlichen Immigration nach München. Hier residierte nicht nur die Kirchenleitung der deutschen Diözese, sondern von 1945 bis 1950 auch das Oberhaupt der ROKA – Metropolit Anastasij – mit dem Bischofssynod. In München arbeitete auch ein kirchliches Auswanderungsbüro.