Osterbotschaft S. E. Erzbischof Mark an die gottbehütete Herde der deutschen Diözese

 Aber kann man denn in diesem jetzigen Leben Gott schauen? Wird uns diese Fähigkeit nicht erst im künftigen Zeitalter eröffnet?

Könnte man Gott nicht im irdischen Leben schauen, so würden wir nicht bei jedem Sonntagsgottesdienst singen: „nachdem wir die Auferstehung Christi gesehen haben, lasset uns anbeten den heiligen Herrn Jesus ...". Wo aber und wie kann man die Auferstehung Christi deutlich sehen? – Nicht äußerlich, nicht mit fleischlichen Augen, nicht in träumerischer Vorstellung, die uns Trugbilder malt, wie die Szenen in einem Spielfilm, und nicht einmal in der Kirche auf der Ikone der Auferstehung, denn die Ikone ist lediglich ein Abbild des inneren geheimnisvollen Ereignisses. Es gibt nur einen Platz im Weltall, an dem wir dem Herrn Christus begegnen können - das ist unser eigenes Herz. Dorthin, in die Tiefe des Herzens, tritt der Herr in den Mysterien der Kirche ein, um unsere Seelen aus dem Kerker des Hades zu führen (Ps. 141, 7), um uns aufzuerwecken, die wir von der Sünde getötet sind. Eben davon spricht zu uns die Ikone der Auferstehung Christi, deren zweiter Name ist – „Abstieg in den Hades“.

Die Seligkeit des Gottschauens wurde uns vom Gottmenschen Selbst verheißen: Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen (Mt. 5, 8). Allerdings ist dies nicht allen verheißen, sondern nur denen, die reinen Herzens sind und die Gebote des Herrn befolgen. Wer Meine Gebote hat und hält sie, der ist es, der Mich liebet … und Ich werde ihn lieben und Mich ihm Selbst offenbaren (Jo. 14, 21).

Diese Verheißung zeugt von der Möglichkeit, Gott eben im irdischen Leben zu schauen, denn dort, wo Seine Gebote gehalten werden, dort wird ER sich allen zeigen, die ihr Herz gereinigt haben.

Die Gnade des Heiligen Geistes reinigt das Herz, wenn wir uns bemühen, vollkommen für Christus und in Christus zu leben. Dies ist besonders in der Osterzeit nötig. Es ist gefährlich sich allein dem äußeren Fest hinzugeben und umso mehr einer lärmenden weltlichen Ausgelassenheit. Solche Ausgelassenheit ist nicht vereinbar mit wahrer, stiller Osterfreude. Wenn man das Kreuz Christi vergisst, so kann sich die festliche Freude über die Auferstehung Christi leicht aus einem geistlichen Fest in eine fleischliche Vergnügung verwandeln. Damit unsere Freude nicht sinnlos und sündig wird, müssen wir mit gereinigtem Herzen alles miterleben und uns daran erinnern, was der Auferstehung voranging: das ungerechte Gericht über den Retter, die Bespeiungen, Schläge, Verhöhnungen, Sein freiwilliges Leiden am Kreuz um unsretwillen, Sein Tod und Begräbnis. Es ist unmöglich, wahre Freude über die Auferstehung Christi zu empfinden, wenn man nicht mit Christus gestorben und mitauferstanden ist, wenn man nicht innerlich alle Stadien Seines Kreuzweges durchlebt hat, die für uns vollbracht wurden. Man kann Christi Tat nicht schätzen, wenn man selbst nicht bereit ist, zu leiden, ohne die Bereitschaft, Gethsemane, Golgatha, das Kreuz und den Abstieg in den Hades auf sich zu nehmen. Denn, sagt der heilige Apostel Paulus, so wir samt Ihm gepflanzet werden zu gleichem Tode, so werden wir auch der Auferstehung gleich sein (Röm. 6, 5) und sind wir denn Kinder Gottes, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, so wir mit IHM leiden, auf dass wir auch mit IHM zur Herrlichkeit erhoben werden (Röm. 8, 17).

Gebe Gott uns, die wir uns in der Zeit der heiligen vierzigtägigen Fasten in der Ähnlichkeit Seines Todes mit Christus vereint haben, mit Ihm in der Ähnlichkeit Seiner Auferstehung nicht nur an diesen heiligen Ostertagen, sondern auch an allen Tagen unseres Lebens vereint zu sein; zu feiern und zu triumphieren mit Seinen heiligen Engeln, mit allen Propheten, Aposteln, Märtyrern und Bekennern, den heiligen Asketen und Gerechten, die ihre Herzen reinigten, um Gott zu schauen. Und gebe uns Gott, dass auch an uns, die wir unsere Herzen gereinigt und rein erhalten haben, die Verheißung der ersehnten Begegnung in Erfüllung gehe, die Verheißung ewiger, unvergänglicher und unverrückbarer Freude, die vom Herrn Seinen heiligen Jüngern und all ihren Nachfolgern gegeben wurde: Ich will euch wieder sehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen (Jo. 16, 22).

Wahrhaftig ist Christus auferstanden!

Amen.

München-Berlin, Pas'cha des Herrn 2013

Veröfentlicht am: 27.04.2013
Aktualisiert am: 12.05.2013