Heiliger Justin von Čelie. Kommentar zum Sendschreiben an die Galater

3, 10 Wer auch immer auf die Werke des mosaischen Gesetzes vertraut, ist unter dem Fluch. Warum? Ist das Gesetz etwa schlecht? ist es etwa ein Fluch? Nein, das Gesetz ist von Gott: Das Gesetz ist heilig und das Gebot heilig und gerecht und gut (Röm. 7, 12); und ein solches Gesetz macht den Menschen nicht verflucht, sondern zeigt dem Menschen, dass er nicht imstande ist, alle seine Vorschriften zu erfüllen, weil er ein Sünder ist; zeigt, dass alle Menschen unter der Sünde leben, auf der Sünde aber liegt der Fluch Gottes (vgl. Röm. 3, 10- 19; 5, 20). Durch sein Licht erleuchtet das Gesetz die Menschen und bringt ihnen ihre Sündhaftigkeit ans Tageslicht und zeigt ihnen, dass sie unfähig sind, sich selbst von der Sünde zu befreien (vgl. Röm. 7, 7-13). Da es heilig ist, wirft das Gesetz durch seine Heiligkeit Licht auf die Sünde, legt die Natur der Sünde offen und zeigt, wie schrecklich die Sünde ist und furchtbar und verflucht, wie die Sünde übermäßig sündig ist καθ᾽ ὑπερβολὴν ἁμαρτωλὸς (Röm. 7, 13-14). Da alle Menschen Sünder sind, da alle unter der Sünde sind (Röm. 3, 9), und es keinen einzigen gibt, der alles erfüllte, was im Gesetz geschrieben steht, deshalb ist auf allen der Fluch. Deshalb ist auch im Gesetz gesagt: verflucht ist jeder, der nicht in allem bleibt, was im Buch des Gesetzes geschrieben ist, dass er dies tut (Deut. 27, 26; vgl. Jer. 11, 3). Und Christen, die die Rückkehr zum Gesetz Moses wünschen, wünschen eben damit die Rückkehr unter den Fluch, welchen dieses Gesetz über jeden ausspricht, der nicht imstande ist, alle seine Vorschriften zu erfüllen. Das Leben aber und die Erfahrung lehren, dass das niemand erfüllen kann.

3, 11-12 Und nicht einmal die alttestamentlichen Gerechten? Auch sie nicht. Denn sie wurden zu Gerechten nicht durch die Erfüllung des Gesetzes, sondern durch den Glauben, und zwar den Glauben an den künftigen Messias, der kommen sollte. Durch solchen Glauben wurde Abraham gerecht und zum Vater aller Völker, die durch den Messias gerettet werden sollen, und durch diesen Glauben und um dieses Glaubens willen wurde der Segen auf ihn ergossen und auf alle seine Nachkommen: auf alle Völker. Auch David und die Propheten und alle alttestamentlichen Gerechten wurden durch diesen Glauben an den Erlöser zu Gerechten, und durch die Kraft dieses Glaubens, durch den sie heilig und gerecht lebten. Dieser Glaube verlieh ihnen Gerechtigkeit, und diese Gerechtigkeit rechtfertigte sie vor Gott. Und dass durch das Gesetz niemand vor Gott gerechtfertigt werden kann, ist klar, denn der heilige Prophet Gottes sagte und schrieb im Heiligen Geist: Der Gerechte wird vom Glauben leben (Habakuk 2, 4; vgl. Röm. 1, 17; Hebr. 10, 38). Von welchem Glauben? Vom Glauben an den künftigen Messias. Vom Glauben, nicht vom Gesetz. Warum? Weil das Gesetz die Rettung, die Rechtfertigung auf die Erfüllung aller Vorschriften des Gesetzes gründet und sie fordert. Da jedoch niemand unter den Menschen imstande ist, alle Vorschriften des Gesetztes zu erfüllen, daher sind alle Menschen unter dem Fluch. Um zu leben, muss der Mensch sie vollziehen und alle erfüllen. Denn Gott sagt im Gesetz durch Moses: Haltet Meine Anweisungen und Meine Gesetze; wer sie tut, wird durch sie leben (Lev. 18, 5; vgl. Hes. 20, 11-13. 21; Röm. 10, 5). Die Sündhaftigkeit der menschlichen Natur ist riesig und abscheulich und so sind die Menschen ohnmächtig, das Gesetz Gottes zu erfüllen; daher sind alle unter dem Fluch, denn auf der Sünde liegt der Fluch Gottes.

3, 13-14 Da der Herr Christus die Sünde der Welt auf Sich nahm, nahm Er gleichzeitig auch den Fluch der Sünde auf Sich, um durch Sich die Welt vom einen wie vom anderen zu retten. Was ist das Wichtigste am Fluch der Sünde? Der Tod. Da der sündlose Herr, der Gottmensch Christus, freiwillig für das Menschengeschlecht starb, rettete Er uns durch Seinen Kreuzestod vom Tod als Fluch: Er kaufte uns los, gab Sich den Sündlosen für uns Sünder hin. Als Mensch starb Er, als Gott rettete Er uns und kaufte uns los: Denn das ganze Geheimnis des Herrn Jesus liegt darin, dass Er, der Gottmensch, dass Er, Gott, Mensch wurde, und als Gottmensch die Rettung der menschlichen Natur vollbrachte, und ihr durch die Rettung alle göttlichen Güter verlieh. Alles Menschliche hat seinen ewigen Wert und ewigen Sinn nur im Gottmenschen. Nur und allein im Gottmenschen ist der wahre, wirkliche Mensch gegeben, der vollkommene und vollendete Mensch: Denn der Mensch ist nur durch Gott Mensch, oder genauer: Nur durch den Gottmenschen ist der Mensch, nur im Gottmenschen ist der Mensch. Wer ist wahrer, ewiger Mensch? Nur der Gottmensch. Denn nur im Gottmenschen ist der Mensch ganz von ewiger Wahrheit, von ewiger Gerechtigkeit, von ewiger Liebe, von ewigem Leben. Ohne den Gottmenschen ist der Mensch letztendlich Fluch, und eine Sammlung aller Flüche; mit dem Gottmenschen ist der Mensch Segen, und eine Sammlung aller Segen Gottes. Im wunderbaren Herrn Jesus, besonders in Seinem viel bedeutenden Tod für das Menschengeschlecht, segnete uns Gott mit jeglichem Segen (Eph. 1, 3), und befreite die Menschen von dem Fluch, der auf ihnen lag.

Wie der ganze Fluch vor der Menschwerdung des Herrn Christus auf der Menschheit lag, und Er ihn durch die Fülle des Segens Seines gottmenschlichen Werkes von dieser abwälzte, erklärt der Heilige Chrysostomos: Adam unterlag dem großen Fluch, der Herr Christus aber dem großen Segen. Zu Adam wurde gesagt: Verflucht seiest du in deinen Werken (Gen. 3, 17; 4, 11); so auch denen, die nach ihm lebten: verflucht, wer unachtsam das Werk des Herrn tut ( Jer. 48, 10), und weiter: verflucht, wer nicht in allen Worten dieses Gesetzes bleibt (Deut. 27, 26), und weiter: Verflucht sei jeder, der am Baum hängt (Deut. 21, 33). = Seht, wie viel Flüche es gibt. Von ihnen hat uns Christus befreit, da Er für uns zum Fluch wurde (Gal. 3, 13). Wie Er Sich erniedrigte, um uns zu erhöhen, und starb, um uns unsterblich zu machen, so wurde Er auch zum Fluch, um uns mit dem Segen zu erfüllen. Was kann man mit diesem Segen vergleichen, wenn durch den Fluch der Segen gegeben wird? Er Selbst bedurfte des Segens nicht, sondern Er gibt ihn dem Menschen. So wie ich, wenn ich sage, dass Er Sich erniedrigte, keine Veränderung in Ihm verstehe, sondern Seine Herablassung aus Gründen Seiner Heilsökonomie, so auch wenn man sagt, dass Er den Segen erhielt, so verstehe ich dies nicht so, als ob Er den Segen brauchte, sondern wiederum zeige ich Seine Herablassung aus Gründen der Heilsökonomie. So bezieht sich also der Segen auf Seine menschliche Natur. Nachdem Er von den Toten auferstanden ist, stirbt Christus schon nicht mehr (Röm. 6, 9) und unterliegt nicht dem Fluch; oder, besser gesagt, Er unterlag auch davor nicht dem Fluch, sondern nahm ihn auf Sich, um von ihm den Menschen zu befreien1.

Warum ist denn nach dem Gesetz Moses vor Gott jeder verflucht, der am Holz hängt? Das erklärt Moses im Gesetz: Wer so sündigt, dass er den Tod verdient und zum Tod verurteilt wird und du ihn am Baum aufhängst, so soll sein Körper nicht auf Holz übernachten, sondern am selben Tag begraben werden, denn vor Gott ist verflucht, wer am Holz aufgehängt ist (Deut. 21, 23). Das heißt, ein solcher Tod war das Zeichen äußerster Lasterhaftigkeit, weshalb derjenige, der zu einem solchen Tod verurteilt war, vor Gott verflucht war. Es ist nicht jeder, der am Holz hängt, sagt der Selige Hieronymus, vor Gott verflucht, sondern der, der solche Sünde beging, dass er des Todes würdig ist, und deswegen getötet und am Holz aufgehängt wird. Er ist nicht deshalb verflucht, weil er am Holz hängt, sondern deshalb, dass er in solche Sünde verfiel, dass er es verdiente, gekreuzigt zu werden2.

Der Herr Christus, Der den Kreuzestod auf Sich nahm, obwohl Er sündlos war, nahm den Fluch des Todes auf Sich, und vernichtete durch Seinen unverdienten Tod den Fluch, der auf der Menschheit lag. Da der, der am Holze hängt, verflucht ist, sagt der Heilige Chrysostomos, musste der, der diesen Fluch lösen sollte, von ihm frei sein, und diesen unverdienten Fluch auf sich nehmen anstelle jenes verdienten, weshalb Christus eben einen solchen Fluch auf Sich nahm und durch ihn jenen verdienten vernichtete. Und wie ein unschuldiger Mensch, der sich dazu entschließt, anstelle eines zum Tode Verurteilten zu sterben, jenen von der Strafe befreit, so tat es auch Christus. Da Christus dem Fluch für die Übertretung des Gesetzes nicht unterlag, so nahm Er den Fluch auf Sich, den wir verdienten und nicht Er, da Er keine Sünde getan hatte und kein Fehl in Seinem Mund war ( Jes. 5, 39). So also wie Der, der anstelle derer starb, die sterben sollten, diese vom Tod befreit, so befreite auch Jener, der den Fluch auf sich nahm, vom Fluch3.

(Fortsetzung folgt)

Anmerkungen:
1. Exposition Psalm. 44, 4; P.gr. t. 55, col. 188=189.
2. Comment in epist. ad Galat. 1 i b. II, cap. 3. v. 13; P. lat. t. 26, col. 387 C.
3. In Galat. cap. 3, 3-4; P. gr. t. 61, col. 652-653.

Veröfentlicht am: 12.12.2012
Aktualisiert am: 12.05.2013