Boris Borisovich Martino. Zum 50. Todestag

Boris B. Martino war eine der bedeutendsten Personen des öffentlichen Lebens des Auslandsrussentums. Er wurde am 5. Juni 1917 in Kronstadt in einer Marineoffiziersfamilie geboren und kam nach dem Ende des Bürgerkriegs mit seinen Eltern nach Sarajevo. Heute ist das die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina, damals gehörte es aber noch zu Jugoslawien. Er ging in einen russischen Kindergarten und besuchte vier Klassen der russischen Grundschule. Damit war seine russische Ausbildung auch schon beendet. Daraufhin besuchte er das dortige Gymnasium und machte später seinen Abschluss an der juristischen Fakultät der Belgrader Universität. Als ein Staatsangehöriger Jugoslawiens wurde er in die Armee berufen und leistete seinen Dienst in der Reserveoffizierschule ab, da er einen Hochschulabschluss hatte. Nach dem Dienst wurde er zum Reservefähnrich ernannt.

Im Jahre 1930 wurde Boris im Gymnasium bei den jugoslawischen Pfadfindern aufgenommen. Eine russische Gruppe gab es in Sarajevo nicht. Als er erfahren hatte, dass man sich auch in absentia bei den russischen Pfadfindern einschreiben konnte, tat er dies auch als ein „Einzelgänger“ mit zwei Freunden.

Mit 15 Jahren gründete er im Jahre 1932 eine russische Pfadfindergruppe in Sarajevo und fand einen Menschen, der sich damit einverstanden erklärte, diese Gruppe zu leiten. In den Augen der Eltern konnte ein 15-jähriger Junge natürlich kein Leiter sein, faktisch verrichtete er allerdings selbst die ganze Arbeit. Obwohl Boris mit Russen arbeitete, pflegte er dennoch den Kontakt mit den jugoslawischen Pfadfindern und nahm im Jahre 1934 an einem Kurs für Leiter bei ihnen teil. Der Mann, der diese Kurse ins Leben gerufen hatte, war der in wissenschaftlichen Kreisen bekannte Gründer und Leiter des Psychometrischen Instituts in Belgrad Professor M. V. Agapov-Taganskij, der ebenso wie Boris sowohl bei der russischen, als auch bei der jugoslawischen Pfadfinderorganisation Mitglied war. Bei den russischen Pfadfindern war Agapov Leiter der Trainerabteilung, die quasi das Zentrum des russischen Pfadfindertums darstellte. Sowohl Agapov, als auch Martino waren Vertreter der nationalen Bewegung im russischen Pfadfindertum. Boris Martino gefielen die Ideen von NTSNP – der Nationalen Arbeitsvereinigung der neuen Generation (heute NTS), der er als Student in Belgrad im Jahre 1937 beitrat. Zur selben Zeit gründete Martino mit seinen Freunden aus Sarajevo drei neue russische Pfandfindergruppen, womit er der Belgrader Pfandfindergemeinde eine neue Ausrichtung gab. Diese Jungen aus Sarajevo brachten den Schülern des russischen Gymnasiums in Belgrad bei, sowjetische Lieder zu singen, wodurch sie Unzufriedenheit bei gewissen Leuten hervorriefen. Im Jahre 1938 begann Martino, die Pfadfinderzeitschrift „My“ (dt. „Wir“) mit seinen Freunden aus Sarajevo zu verlegen, gedruckt auf einer Druckmaschine, wobei er die englische Bezeichnung „scout“ durch ein russisches Wort ersetzte.

Das Jahr 1938 war voller Aufruhr für Europa. Am 29. September 1938 wurde in München ein Vertrag zwischen den Nazis und den Regierungen Frankreichs und Großbritanniens unterzeichnet. Die Tschechoslowakei wurde gezwungen, das Sudetische Gebiet an Deutschland anzugeben, und im Jahre 1939 besetzte Deutschland Tschechien und Ungarn die Unterkarpatenukraine. Die Slowakei wurde zu einem unabhängigen Staat mit einer pronazistischen Regierung erklärt.

Am 1. September griff Deutschland Polen an und am 17. September wurde Polen von der UdSSR angegriffen.

Der zweite Weltkrieg fing an. Im April des Jahres 1941 griffen Deutschland und seine Alliierten Jugoslawien an und besetzten in nur wenigen Tagen das Land. Bosnien und Herzegowina wurde an den so genannten Unabhängigen Staat Kroatien mit der pronazistischen Regierung Pavelics und seiner Ustascha angegliedert. Die Ustascha (Aufständige) fingen an, Juden zu töten, noch bevor in Deutschland damit begonnen wurde, und Serben, von denen es in Bosnien und Herzegowina mehr gab als Kroaten. Unter den getöteten serbischen Priestern waren auch einige Russen. Für alle Orthodoxen, auch für die russischen, wurde eine besonders strenge Polizeistunde eingeführt. Alle Organisationen, auch die Pfadfinder, wurden verboten, aber Boris Martino beschloss, dieser Forderung nicht nachzukommen, und führte seine Arbeit mit den russischen Pfadfindern illegal fort. Die Jugend unterstütze ihn.

Nach dem Angriff Deutschlands und seiner Alliierten auf die UdSSR und der schnellen Besetzung ihrer Gebiete, wies die NTS ihre Mitglieder an, unter dem Vorwand von Arbeit nach Deutschland zu fahren, von der Arbeitsstelle zu fliehen und sich nach Russland zu bewegen. Wenn man schon sterben musste, dann in Russland mit Russen, sagte man. Nachdem Boris im Februar des Jahres 1942 nach Berlin gekommen war, floh er aus dem Arbeitertransport und überquerte mit Hilfe von NTS illegal die Grenze des Generalgouvernements (des von Deutschen besetzten Teils Polens). Während Martino in Warschau auf das weitere Vordringen zu seiner Heimat wartete, fand er im Haus der Jugend Arbeit. Er überquerte die Grenze im Februar, wobei ihm der Schnee bis zur Körpermitte reichte, erkältete sich stark, fing die Tuberkulose ein und von einem weiteren Vordringen nach Russland konnte keine Rede mehr sein.

Martino arbeitete illegal mit Geheimdienstlern und achtete besonders auf die Ausbildung von künftigen Leitern, worin er viel Erfolg hatte. Das Kriegsende erlebte er in Memmingen (Bayern), wo er ein Ferienlager für die russischen Kinder leitete, die dort lebten. Russische Geheimdienstler kamen aus dem Untergrund hervor. Man fing an, Kontakte mit Leitern zu knüpfen, die weiterhin mit Kindern und Jugendlichen unter den neuen Umständen arbeiteten. Es wurde möglich, ein „Treffen der Leiter der jungen Pfandfinder“ vom 4. bis zum 6. November 1945 durchzuführen, bei dem Martino zum Stellvertreter des Ältesten russischen Pfadfinders O. I. Pantjuchov gewählt wurde, der damals in den USA lebte.

Die Alliierten versammelten Ausländer, die sich in Deutschland aufhielten, in DP-Lagern. DP – Displaced Persons – Heimatlose, befanden sich unter der Aufsicht von UNRRA – United Nations Relief and Rehabilitation Administration. Vom ersten Tag an wurden in den Lagern ein Schulprogramm und ein außerschulisches Programm erarbeitet und die Lager wurden schrittweise nach dem nationalen Kriterium mit einer Lagerhilfsverwaltung formiert. Ungeachtet aller Schwierigkeiten, war B. B. Martino der Hauptleiter des außerschulischen Programms.

Solange die Lager unter der Obhut von UNRRA standen, wurden sowjetische Staatsbürger, die nicht freiwillig unter die bolschewistische Macht zurückkehren wollten, überall mit Gewalt ausgehändigt. In Erinnerung ist der „Blutige Sonntag“ am 12. August 1945 in Kempten geblieben, an dem 80 Menschen ausgehändigt wurden. Allerdings konnten 32 von ihnen dank der Hilfe von afroamerikanischen Soldaten fliehen. Ähnliches passierte auch in Regensburg und in anderen Städten Österreichs, Deutschlands und Italiens. Die gewaltsamen Aushändigungen fanden erst dann ein Ende, als die UNRRA ihre Tätigkeit am 1. Juli 1946 einstellte. Die neue Organisation IRO – International Refugee Organization (Internationale Flüchtlingsorganisation) fing sofort an, DPs nach Übersee zu schicken. Zum 31. Dezember 1951 waren diejenigen, die fliehen konnten, geflohen, und diejenigen, die es nicht konnten, waren in Deutschland, Österreich und Italien geblieben. B. B. Martino, der an Tuberkulose litt und zu der Zeit bereits schwer behindert war, konnte nirgendwohin ausreisen, hatte aber Arbeit. Von 1952 bis 1954 hatte er eine verantwortungsvolle Stelle im geschlossenen Sektor von NTS. Seine letzte Arbeitsstelle war beim „Radio Svoboda“ (dt. „Radio Freiheit“), wo er bis zu seinem Tod am 22. Juli 1962 angestellt war. Er ist auf dem städtischen Friedhof Münchens, dem „Perlacher Forst“, beerdigt, hinter dessen Mauern in nur hundert Metern die russische Kathedrale steht.

B. B. Martino hatte keine Familie und verwendete seine ganze Kraft für die außerschulische Arbeit mit der russischen Jugend. Sein Grab wird von dem Münchner Verein OJRP gepflegt - der Organisation der Jungen Russischen Pfadfinder.

R. Polchaninov, 1994

R. Polchaninov

Rostislav Vladimirovich Polchaninov wurde am 27. Januar 1919 in Novocherkassk in der Familie eines Oberstleutnants der Russischen Kaiserarmee geboren, eines Mitglieds der Weißen Bewegung. Er besuchte vier Klassen der russischen Grundschule in Sarajewo und das dortige Gymnasium und studierte Jura an der Belgrader Universität. Im Jahre 1931 trat er der Nationalen Organisation der russischen Pfadfinder (NORS) bei, im Jahre 1934 der Gemeinschaft „Russkij Sokol“ (dt. „Russischer Falke“) und im Jahre 1936 der Nationalen Arbeitsvereinigung der neuen Generation (NTSNP). Im Herbst des Jahres 1937 fing er an, in Sarajewo in der russischen Sonntagsschule zu unterrichten. Im Jahre 1943 arbeitete er mit der Pskover Jugend in der Orthodoxen Mission in Pskov und gründete dort eine Untergrundspfadfindergruppe von NORS. Er war einer der Hauptleiter der Untergrundstätigkeit von NORS in Europa in den Besatzungsjahren (1941- 1945). Nach der Ankunft der Amerikaner in Niedersachswerfen führte er seine Pfadfinderarbeit mit der Jugend legal fort. Er ist ein Meisterpfadfinder der Organisation der Jungen Russischen Pfadfinder (OJRP). Im Oktober des Jahres 1951 kam er mit seiner Familie nach New York, wo er als Fabrikarbeiter tätig war. Von 1967 bis 1983 arbeitete er beim Radio „Svoboda“ (dt. „Freiheit“) und ging 1983 in Rente. Er unterrichtete in russischen Gemeindeschulen bis zum Jahr 1979. Eine Zeit lang war er Vertreter des Schulinspektors der Synode der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland. Er stellte eine Reihe von Schulbüchern über die Geschichte und die Geographie Russlands, die Geschichte des russischen Amerikas, über Russen in Amerika und über die Geschichte der russischen Kunst zusammen. Im Juni des Jahres 1965 übernahm er die Leitung der Historischen Kommission von OJRP. Er veröffentlicht die Broschüren „Seiten aus der Geschichte“ und „Hilfe für den Gruppenführer“. Im Juli des Jahres 1987 nahm er die Veröffentlichung der Zeitschrift „Wege der russischen Sokol-Bewegung“ wieder auf. Im Juni 1992 nahm er am Treffen der OJRP in Russland teil. Er lebt in New York.

Veröfentlicht am: 12.12.2012
Aktualisiert am: 10.05.2013